Aktive Imagination

ANNEMARIE  KROKE PEKRUN
‘Giornale storico di psicologia dinamica’ Nr. 28, Liguori Editori

 

Aktive Imagination, ein Begriff der Auseinandersetzung. Spannungen und Schwierigkeiten, die aus der Gegenüberstellung unbewusster und bewusster Tendenzen entstehen, klingen mit. Imaginieren, sich öffnen, vertrauensvoll die Beziehung zum Unbewussten eingehen – und Aktiv-Werden, mit dem Bewusstsein entscheiden und handeln, zwei sich scheinbar widersprechende Tendenzen. Doch gerade in diesem Widerspruch liegt die Aufforderung zur dialektischen Auseinandersetzung und somit auch die Möglichkeit eine Synthese von Unbewusstem und Bewusstsein zu erlangen.

Von Spannungen und Schwierigkeiten, die im Begriff der aktiven Imagination mitklingen, sprach ich, um verständlich zu machen, dass die Bereitschaft sich dem Unbewussten zu öffnen, erst aus der Notwendigkeit erwächst. Das Gefühl von einem Affekt überwältigt zu werden, das Gefühl die Energie versiege, der Lebensraum, den wir zu vitalisieren fähig sind, verenge sich – dies sind einige der Erfahrungen, die uns darauf hinweisen, dass außerhalb unseres Bewusstseinskräfte liegen, die auf unser bewusstes Erleben einwirken.
Sie wirken einschränkend, halten uns gefangen, von der Aussenwelt getrennt, unfähig zu einem kreativen Akt.
” Im Seelischen sind, wie überall in unserer Erfahrung, wirkende Dinge Wirklichkeiten, gleichgültig, welche Namen ihnen der Mensch gibt. Und diese Wirklichkeiten möglichst als solche verstehen, darum handelt es sich …”(C.G. Jung: Seelenprobleme, S.107ff GW XVI )
Die Erkenntnis der Wirkungsfähigkeit des Unbewussten auf das bewusste Erleben geht somit der Bereitschaft, sich dem Unbewussten zu öffnen voraus.

Um mit dem Unbewussten so direkt als möglich umzugehen,
benutzte C.G. Jung die aktive Imagination, “…durch die man die Inhalte des

Unbewussten buchstäblich anlocken kann.” (M.-L. von Franz :Der Schatten und das Böse im Märchen 1974, dt. Ausgabe 1985, Kösel Verlag, München,S. 86) Als eine Kraft, die vom Unbewussten unabhängig ist, drückt sich das Unbewusste im Bild aus. Wir kennen als Beispiel die Traumbilder. Im Bild bietet das Unbewusste in symbolischer Form dem Bewusstsein die Inhalte an, die das Bewusstsein abgespalten hat oder aber von der Entwicklung ausgeschlossen wurden. Das Unbewusste tendiert, über diese symbolischen Bilder, das Bewusstsein komplementär zu ergänzen.

Im Traumerleben erliegt das Bewusstsein den unbewussten Inhalten passiv und erst ein nachträgliches Bemühen um Verständnis kann die Integration dieser Inhalte ermöglichen. Anders ist es in der aktiven Imagination. Die Bereitschaft sich dem Unbewussten zu öffnen geht von der bewussten Persönlichkeit aus. Der Imaginierende schliesst die Augen, bemüht sich die Aussenwelteinflüsse auszuschalten, sich ‘leer’ zu machen. Mit dieser Haltung sucht er die direkte Beziehung zum Unbewussten, denn ” die Vision ist quaerenda, das heisst, sie soll gesucht werden.” ( C.G. Jung: Studien über den Archetypus, 1954 S. 398) Das

Unbewusste wird sich auch jetzt im Bild mitteilen. Dieses Bild soll auftauchen, ohne dass der Imaginierende es wie eine Phantasie zu gestalten versucht. Es erscheint ein lebendiges Bild, welche quasi real wirkt, ganz im Unterschied zu einer abstrakten Vorstellung. Damit ist die Nähe zum eigenen Unbewussten geschaffen.

Das Bewusstsein steht diesem wie ein objektiver Beobachter gegenüber. Diese Nähe und gleichzeitige Trennung sind die notwendige Voraussetzungen für die Auseinandersetzung der unbewussten und bewussten Persönlichkeit. Damit entscheidet sich die aktive Imagination von den zeitlich entfernten Bildern des zurückliegenden Traumes einerseits, und andererseits von der Identifikation mit den Affekten, die das Unbewusste mit dem Traum hervorgebracht hatte.

Ich sprach von Trennung, von Auseinandersetzung, diese Worte sind zwar berechtigt, da das Bewusstsein von dem Unbewussten getrennt steht, doch geht es hier nicht um kämpferische Gegenüberstellung, sondern, im Gegenteil, um den Versuch der Integration. Die Integration der unbewussten Inhalte ist nur möglich, wenn das Bewusstsein die bisher vernachlässigte Beziehung zum Unbewussten aufnimmt und sich der sinnvollen Führung des Unbewussten anvertraut.

Im Unbewussten liegt ein umfassendes Wissen, welches Jung erkannte: “Philemon und andere Phantasiegestalten brachten mir die entscheidende Erkenntnis, dass es Dinge in der Seele gibt, die nicht ich mache, sondern die sich selber machen und ein eigenes Leben haben. Philemon stellte eine Kraft dar, die ich nicht war. Ich führte Phantasiegespräche mit ihm, und er sprach Dinge aus, die ich nicht bewusst gedacht hatte… So brachte er mir allmählich die psychische Objektivität, die ‘Wirklichkeit der Seele’ bei,… Psychologisch stellte Philemon eine überlegene Einsicht dar.” ( C.G. Jung: Erinnerungen, Ges. Werke IX/I S. I86)

In dieser Einsicht liegt das Wissen um die aktuelle Struktur der Persönlichkeit: – welche Inhalte besonders stark abgewehrt werden, – welche Inhalte in früher Zeit von der Entwicklung ausgeschlossen wurden und über wieviel Kraft das Ich zur Zeit verfügt. Das Unbewusste hat diesen Überblick, der sich in der Gestaltungsform der Bilder darstellt.

Zusätzlich liegt im Unbewussten die Tendenz, die Psyche zur Integration zu führen. “Die Psyche hat eine natürliche Neigung, umgenügend entwickelte Teile ihrer selbst zur Nachreife zu bringen.” ( H. Maass: Wachträume, Walter Verlag 0lten 1989 S. 156 )

Um diese Nachreifung zu ermöglichen, gestaltet das Unbewusste Bilder. Diese müssen als Darstellung der aktuellen Form der Seele gesehen werden, d.h. als Ausdruck der Beziehung, die das Bewusstsein zu dem gerade aktivierten Teil des Unbewussten unterhält. Als Repräsentanten der unbewussten Anteile erscheinen lebendige Wesen. Aus der Beziehung, die das Ich, welches dem Bewusstsein entspricht, zu diesen Wesen unterhält und aus deren Beziehungen untereinander, stellt das Unbewusste die aktuelle psychische Struktur dar. Gestörte Beziehungen sind erkennbar an den furchterregenden Gestalten. Dies ist Ausdruck dafür, dass das Bewusstsein für eine längere Zeit die Beziehung zu diesen unbewussten Anteilen abgebrochen hat, daher wirken sie befremdend und somit angsterregend. Die Gestaltung der Erscheinungsformen hängt also von der subjektiven Einstellung des

Bewusstseins ab.

Diese Einstellung gilt es zu verändern und dies kann nur erreicht werden, wenn das Ich in das Bildgeschehen eintritt und aktiv mitwirkt, um diese Beziehung zu verbessern. Diese Möglichkeit ist dem Ich in der aktiven Imagination gegeben, denn das Ich kann sich darin bewegen wie in der äusseren Realität, als vollständige Person: kann mit den Sinnen wahrnehmen, empfindet Gefühle, kann denken und handeln und lebt in seinem eigenen Körper. Daher ist in der aktiven Imagination die Möglichkeit gegeben, dass das Bewusstsein eine direkte Veränderung in der eigenen Psyche unter Führung des Unbewussten bewirken kann.

Jede Aufgabe, die das Unbewusste im Bildgeschehen formuliert, fordert die Verbesserung der Beziehung. So kann sich das Ich der Bedrohung eines Lebewesens ausgesetzt sehen und grosse Angst empfinden. Spontan tendiert es, sich so zu verhalten, wie bisher immer: zu fliehen. Doch da der Imaginierende weiss, dass in diesen Bildern sein eigenes inneres Drama dargestellt ist, muss es versuchen, die Empfindung der Angst soweit wenigstens zu überwinden, dass das Ich trotzdem fähig bleibt zu denken und so zu handeln, damit der Kontakt zu diesen Wesen hergestellt wird. Dies ist eine Veränderung seiner Einstellung und sie ist daran zu erkennen, dass die Wesen eine angenehmere, positivere Erscheinungsform annehmen. Diese Wandlungsfähigkeit ist, wie gesagt, ein Ausdruck dafür, dass diese Wesen keinen eigenständigen Charakter haben, sondern von der subjektiven Einstellung des Bewusstseins abhängen.

Auch die Beziehung der in Konflikt stehenden unbewussten Anteile wird vom Unbewussten dem Ich als Aufgabe gestellt. So muss es vermittelnd eingreifen, wenn zwei Wesen sich bekämpfen und die Gefahr besteht, dass eines von ihnen unterliegt und womöglich getötet wird. Es muss vermittelnd eingreifen, wenn Männer und Frauen unnatürlich voneinander getrennt leben. Gelingt es dem Ich, den Konflikt zu überwinden, die Beziehung zu verbessern, so hat es eine Veränderung der psychischen Situation des Imaginierenden gefördert.

Diese Veränderung kann als erhöhte Energie empfunden werden. Dies ist verständlich, da im Bildgeschehen und im Beziehungsnetz der Lebewesen auch die Situation der psychischen Energie des Imaginierenden dargestellt ist.
Wird ein Lebewesen oder eine Konfliktsituation vom Ich als besonders furchterregend erlebt, so liegt gerade in diesen unbewussten Aspekten besonders viel psychische Energie gefangen. Diese wird erst für die Persönlichkeit verfügbar, wenn das Bewusstsein seine Ablehnung zu diesen überwindet. “Das Unbewusste ist ein reiner Naturvorgang einerseits ohne Absicht, aber andererseits mit jenem potentiellen Gerichtetsein, das für jeden energetischen Vorgang schlechthin charakteristisch ist. Wenn aber das Bewusstsein aktiv Anteil nimmt und jede Stufe des Prozesses erlebt und wenigstens ahnungsweise versteht, so setzt das nächste Bild jeweils auf der dadurch gewonnenen höheren Stufe an, und so entsteht Zielrichtung.” ( C.G. Jung: Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten, S. 161ff GW VIl S. 234 ) In der aktiven Imagination kann das Ich durch sein Mitwirken, die strömende Energie in die Richtung des Bewusstseins bahnen.

Potentiell ist das Ich fähig, die unbewusstem Anteile anzunähern, doch es ist verständlich, dass dies ein schwieriger Prozess ist, der nur schrittweise seinem Ziel entgegenstrebt. Dieses Ziel fasst Jung in folgende Worte:
” … in ihr fliesst die bewusste und die unbewusste Persönlichkeit des Subjektes in ein gemeinsames und vereinigendes Produkt zusammen. Eine derart gestaltete Phantasie kann der höchste Ausdruck der Einheit einer Individualität sein und diese letztere eben gerade durch den vollkommenen ihrer Einheit auch erzeugen.” ( C.G. Jung: Psychologische Typen, S. 617 ff GW VI, S. 493 ff) Das Streben nach dem vollkommenen Ausdruck der Einheit der bewussten und unbewussten Persönlichkeit wird das Leben des Imaginierenden in einer unendlichen Imaginationsserie begleiten.

Es taucht die Frage auf, welche Persönlichkeit die aktive Imagination angehen kann. Um sie allein, ohne therapeutische Hilfestellung zu bewältigen, bedarf es eines starken Ichs. Dies gilt als Voraussetzung um sich nicht mit den Affekten zu identifizieren. Sie sollen zwar tief erlebt werden, und dies ist die Bedingung für jegliche Veränderung, doch dürfen sie nicht die freie Entscheidung zum Handeln blockieren. Unterstützung erfährt das Ich zusätzlich vom Unbewussten, denn es überfordert es nie, im Gegenteil, in schwierigen Situationen stellt es dem Ich starke Helfer zur Seite.

Wesentlich leichter, jedoch, ist das Imaginieren mit der Hilfestellung eines Therapeuten. Da der Imaginierende, obwohl er ganz auf seine Innenwelt konzentriert ist, dennoch fähig ist, verbal das Geschehen gleichzeitig zu berichten, steht er mit dem Therapeuten in Kontakt und kann ebenso die Worte des Therapeuten aufnehmen.

in der therapeutischen Praxis wird die aktive Imagination mit unterschiedlicher Zielerwartung angewandt. Entweder um eine spezifische Problematik möglichst direkt zu erarbeiten oder um damit den längeren analytischen Prozess zu ersetzen. Daher sind die Einzelimaginationen, die mir wesentlich verbreiteter scheinen, von der Imaginatlonstherapie zu unterscheiden, über die ich deshalb im Folgenden sprechen werde.

In den Einzelimaglnatlonen wird meist vom Therapeuten ein Bildthema vorgegeben, welches dann imaginativ entwickelt wird. Hierzu ist als Beispiel das “katathyme Bilderleben” von Hanscarl Leuner zu zählen. Marie-Louise von Franz scheint diese Methode anzuwenden, um einen überwältigenden Affekt erarbeiten zu lassen, der z.B. noch aus einem Traum auf der Persönlichkeit lastet. In diesem Fall wird das Traumbild zurückgerufen und in der Imagination weiterentwickelt, die enthaltenen Inhalte werden dann analytisch erarbeitet.

Da in den Einzelimaginationen der Therapeut das Bildthema auswählt, lässt er bewusst die Führung des Unbewussten nur in beschränkter Form zu. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zu der Imaginationstherapie, in der, wie es mir scheint, der Therapeut ein besonders grosses Vertrauen in die Selbstheilungstendenz des Unbewussten legt. Bis auf die Anfangsphase einer langen Imaginationsserie überlässt der Therapeut die Führung ganz dem Unbewussten des Imaginierenden, da er ja nicht wissen kann, wie es das Geschehen gestalten will. Im Ablauf der Imaginationsserie

erlebt man dann immer wie sinnvoll das Unbewusste gestaltet.
Besonders möchte ich betonen, dass in der Imaginationstherapie ebenso wie in den Imaginationen, die die Persönlichkeit allein durchführt, sich der wirklich therapeutische Prozess während des Imaginierens gestaltet. Daher beschränkt sich der Therapeut weitgehendst darauf, das Ich in schwierigen Situationen durch Hilfestellungen zu unterstützen.

Welcher Art können diese Hilfestellungen sein? Anfänglich kann der Therapeut, falls kein Bild erscheint, das Thema des Märchenwaldes vorschlagen. Damit hilft er, die Abwehr gegen das Irrationale zu mindern, denn entsprechend den Märchen, werden in den symbolischen Bildern der Imagination Tiere sprechen, Tote zum Leben erweckt u.ä. Auch wird der Therapeut dem Imaginierenden anfänglich vorschlagen, wie er sich in den Bildern bewegen soll, um das Ich mit seiner Handlungs- und Bewegungsfreiheit vertraut zu machen.

Im weiteren Verlauf liegt dann das schwierigste Problem im Abbau der Widerstände. Diese Widerstände rühren aus der Abwehr des Bewusstseins gegen das Unentwickelte und gegen die abgespaltenen unbewussten Anteile. Sie tauchen vor dem Einstieg in eine Imagination, zu Anfang der Therapie und auch währenddessen auf und weisen auf eine wichtige Aufgabe für das Ich in der folgenden Imagination hin. Diese Widerstände müssen daher mit der Person besprochen werden. Meist ist es hilfreich darauf hinzuweisen, dass das Unbewusste die eigene psychische Situation vorführt und es so führen wird, dass das Ich diese verändern kann, denn ohne das aktive Mitwirken des Ich kann das Problem nicht gelöst werden.

Um Hilfestellung leisten zu können, muss der Therapeut ein Verständnis der aktuellen psychischen Situation der Persönlichkeit erlangen. Dies ist ihm in der aktiven Imagination erleichtert, da in den ersten Bildern ein Modell deren innerer Struktur entworfen wird. Da jede folgende Imagination mit dem Bild der letzten einsetzt, entsteht eine zusammenhängende Geschichte, in deren Verlauf einzelne Abschnitte zu beobachten sind, die inhaltlich an die Lösung eines Teilproblems gebunden sind. In dieser Form ist es dem Therapeuten ermöglicht, Schritt für Schritt den therapeutischen Prozess in der Imagination ganz nah mitzuverfolgen. So kann er auch beobachten wie sich das Ich gegenüber dem im Bild erscheinenden gefährlichen Lebewesen verhält, wie es zu seiner Angst steht. Identifiziert es sich mit ihr und tötet dieses Lebewesen, so nimmt es sich vorläufig die Möglichkeit diesen unbewussten Inhalt seinem Bewusstsein anzunähern. Lässt es sich von der Angst in seiner Handlungsweise blockieren, so kann der Therapeut einen Vorschlag aussprechen, wie die Kontaktaufnahme möglich wäre. Dabei weiss der Imaginierende, dass dieser nicht gehorsam befolgt, sondern in freier Entscheidung angewandt werden kann. Sonst wäre das Handeln therapeutisch wertlos.

Manchmal versucht das Ich auch auf andere Weise die Angst zu umgehen. Es geht in der Imagination aus seinem Körper heraus und beobachtet ihn von ausserhalb. Da die Gefühlsempfindungen an den Körper gebunden scheinen, kann das Ich handeln ohne Angst zu empfinden; auch dieses Vorgehen ist therapeutisch wertlos. Für den Therapeuten ist das Fehlen der Angst zum Beispiel aus dem Klang der Stlmme des

Imaginierenden oder aus dessen Mimik erkennbar und er wird seine Vermutung durch direkte Fragen an ihn bestätigt bekommen. Schwieriger ist es für den Therapeuten, wenn das Ich aus Angst zu aktiv das Geschehen gestalten will, sich ‘inflationär aufbläht’ und der Führung des Unbewussten nicht genügend vertraut.

Darauf wird der Therapeut hinweisen, denn der Verlauf der Imaginationen sollte vom Unbewussten auf der einen Seite und von den Reaktionen des Ich auf der anderen gesteuert werden. Ähnlich der zu starken aktiven Steuerung von Seiten des Ich innerhalb der Imagination kann der Therapeut die Abwehr gegen das Unbewusste auch ausserhalb des Imaginierens beobachten. Es drückt sich aus, indem die Person abwertend oder mit Nichtbeachtung der Imagination gegenübersteht.

In diesem Fall kann die interpretative Erarbeitung des Geschehens eine Hilfe sein, diese Abwehr zu mindern und die Verantwortung dafür zu erhöhen.

Ich habe einige der möglichen Hilfestellungen das Therapeuten beschrieben, damit daraus verständlich werde, wie sehr der Therapeut auf die sinnvolle Führung des Unbewussten vertraut. Er begleitet den Vorgang. Doch, währenddessen, bleibt er immer in der Haltung des Suchenden. Verbal berichtet der Imaginierende das Geschehen und der Therapeut versucht das Bild vor seinem eigenen inneren Auge erscheinen zu lassen. Auch für ihn ist die Vision ‘quaerenda’.

Der verbale Bericht, die sprachliche Formulierung, bleibt für den Therapeuten und für den Imaginierenden immer nur das begrenzte Ausdrucksmittel des Bewusstseins, welches nie den Umfang, den Erlebniswert und die Faszination der symbolischen Bilder erfassen kann. Daher tauchen in beiden Persönlichkeiten die inneren Bilder auch später immer wieder ins Bewusstsein auf, um mit weiteren Assoziationen angereichert zu werden.

Doch ist der verbale Bericht, das Umsetzen in das bewusste Mittel der Sprache für den Imaginierenden selbst besonders wichtig, denn indem er sich um die Form einer kommunikativen Klarheit bemüht, wird er angeregt wirklich bewusst zu handeln, als Voraussetzung für die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten. Sonst kann es leicht geschehen, dass aufgrund einer widerstrebenden Haltung das Bild, das Erlebnis, schnell wieder gelöscht wird. Dass die Einstellung des Ich zu den imaginierten Bildern sich in der Art des verbalen Berichtes niederschlägt, kann man in den spannungsgeladenen Momenten erleben. Der Bericht wird zähflüssig und stockend, da sich das Ich dem Bedrohlichen gegenüber selbst passiver verhält. Im Gegensatz dazu wirkt er reichhaltig und fliesst, sobald eine positive Veränderung von dem Ich erreicht wurde. Zusätzlich zu dem verbalen Bericht während der Imagination ist es hilfreich, das Geschehen danach aus der bewussten Erinnerung schriftlich beschreiben zu lassen, um den Bezug zu dem inneren Prozess zu vertiefen.

Der Therapeut wird auf die Varianten zwischen direktem Bericht und späterer Erarbeitung achten.

Um die Vorstellung zu erleichtern, wie sich eine Imagination darstellt, werde ich eine Imagination in ihrer nachträglichen schriftlichen Fassung aus einer längeren Imaginationsserie herausgreifen und an den Schluss dieses Artikels setzen. Leider kann ich damit nicht vermitteln wie sinnvoll das Unbewusste längere Abschnitte

gestaltet, oder anders gesagt, dass in dieser Imagination ‘die Zukunft als Same’ erkennbar wird. Aus einer einzelnen Imagination kann selbstverständlich auch nicht hervortreten, wie unterschiedlich die individuellen ‘Stil-Weisen’ der Imaginierenden wirken. Doch von diesen persönlichen Eigenheiten unabhängig sind die Bilder bei den sogenannten Gesunden und Kranken vom Unbewussten in ähnlicher Weise dargestellt. Ein Unterschied wird jedoch in der Dramatik des Ablaufs erkennbar, da diese vom Bewusstsein mitbewirkt wird.

Jung sprach von der Einheit der unbewussten und der bewussten Persönlichkeit; die die aktive Imagination anstrebt. Doch nicht nur als Ziel, sondern eben als gegenwärtiges Erlebnis vermittelt die aktive Imagination die Empfindung der Synthese der unbewussten und bewussten Tendenzen. Das bewusste Ich taucht in die ‘magische’ Welt des Unbewussten ein, erlebt dessen scheinbar unbegrenzten Reichtum und überträgt ihm vertrauensvoll die Führung.

Doch bald tauchen die widerstrebenden Gefühle in der Dramatik des Geschehens auf und das Ich muss gleichzeitig die Beziehung zum Unbewussten bewahren und dennoch bewusst und verantwortungsvoll handeln. Ein unerhört spannungsvolles Gleichgewicht wird von der Persönlichkeit gefordert, denn nur so wird dem Unbewussten eine grössere Bewegungsfreiheit ermöglicht und gieichzeitig das Bewusstsein erweitert.

Es ist verständlich, dass ein solches Gleichgewicht schwierig zu halten ist, indem wIr gleichzeitig versuchen uns vertrauensvoll in die Beziehung zum Unbewussten hinzugeben und dennoch das individuelle Bewusstsein darin nicht verlieren, sondern es durch unser aktives Mitwirken bereichern lassen.

Das Gefühl der Bereicherung bleibt jedoch nicht indefiniert, sondern wird im imaginativen Geschehen sichtbar dargestellt.Dies wirkt als unterstützende Hilfe für unser Bemühen. In vielerlei Formen, in Bildern der Neubelebung und wohltuender grösserer Nähe, kommt diese Bereicherung zum Ausdruck. Sie ist das Zeichen für ein entspannteres Gleichgewicht, für die engere Verbindung zwischen der unbewussten und bewussten Persönlichkeit.

Gelingt es uns, dieses Gleichgewicht ein wenig zu stabilisieren, so erleben wir, wie dieses auch in unserem äusseren Leben seinen Niederschlag findet – indem wir uns in eine vertrauensvolle Beziehung zum Mitmenschen hingeben können und dabei doch die Fähigkeit bewahren, innere Bewegungen kreativ mit unserer persönlichen Eigenheit in eine äussere Form umzusetzen.

Die Imagination :

“Das Kind mit dem traurigem Mannesgesicht, wandelt sich jetzt zum Mann. Es scheint ein Prinz. Er schreibt auf ein Papier zwei mir unverständliche Worte, Shung tai chien in schwarzer und Lue mes en in roter Tinte und sagt dies sei meine nächste Aufgabe. Die schwarze Fledermaus neben mir ist ebenfalls gewachsen und schaut mich aus rotfunkelnden Augen an. Meine Frage an den Prinzen, ob die Fledermaus mich führen dürfe, wird abgelehnt. Sie darf mich nur begleiten. Es geht weit hinunter in ein Verliess.

Auf dem Steinboden liegen zwei Skelette. Ich suche nach etwas Lebendigem und erkenne eine Spinne. Im Gespräch stellt sich heraus; dass die beiden Skelette ehemals König und Königin waren und die Spinne ihr Wächter. Keine Aufgabe ist es, die Skelettknochen zusammenzufügen, doch dem weiblichen fehlt die Schädeldecke. Alle zusammen tragen wir die Skelette an die Oberfläche und legen sie ins Gras, dort finde ich dann auch die Krone der Königin. Als ich sie aufnehme, spüre ich wieviel Energie durch sie fliesst und als ich sie auf den aschgrauen Kopf füge, fällt ein rotblauer Schleier über ihn. Ich weiss, diesen Schleier muss ich lüften. Während ich es tue, verwandelt er sich in eine dicke Hautrolle. Diese schneiden wir in Stücke und kochen sie über dem Feuer. Daraus wird Blut, mit dem ich den Kopf bestreiche. Bald darauf sehe ich, dass im Skelett der ganze Blutkreislauf belebt ist. Damit dieser auch in das Königsskelett übergehe,nähern wir dieses an das weibliche an. Doch das Blut fliesst nicht in dem männlichen, sondern stockt und ist braun, wie geronnen.

Erst als wir die Skelette übereinander legen und ich sie mit meinem eigenen Kleid zusammenbinde, kommt die Wandlung.
Unter den weissen Tüchern erhebt sich ein Ungeheuer mit leuchtenden Augen. Die Spinne und die Fledermaus dringen, ohne eine Spur zu hinterlassen, in das Ungeheuer ein.

Dies bewirkt, dass dieses scheinbar ummässig anwächst. Es sieht jetzt wie ein riesiger Vogel mit breitem Fischmaul aus; sehr schwer fällt es mir, dieses anzusprechen und zu fragen, womit ich ihm helfen könne. Doch nach einiger Zeit erfahre ich, dass ich ihm ein Erdloch in die ‘ goldene Welt ‘ schaffen soll. So beginne ich mühsam, mit blossen Händen in dem Wüstensand ein Loch zu schaufeln. Nach einer Weile tut sich mir eine feuriggelbe Welt auf, sie scheint ohne Grenzen zu sein. Laut brodelt und tost es darin. Als das Ungeheuer sich plötzlich steif und knarrend dort hereinfallen lässt, steigt ganz viel schwarzer Rauch auf. Glutstücke fliegen um mich herum, es dröhnt ein Höllenlärm und silberne Geysire steigen auf. Ich fühle mich unendlich klein. Auf der Erdkante sitzend bin ich der Hölle ausgesetzt.

Endlich, nach Langem, fallen mir die asiatischen Worte ein.
Als ich sie ausspreche, beruhigt sich plötzlich alles und an die Stelle der Hölle ist ein rundes, ganz ruhiges Gewässer getreten. In dessen Mitte schwimmt leicht eine Blüte, eine Art Seerose, und ich sehe ihren dünnen Stengel tief unten im See verwurzelt. Als ich die Blüte anspreche, lächelt sie und nimmt mich auf. Nackt liege ich in ihrer Mitte und mit je einem Blütenblatt bedeckt sie mich von rechts und von links. Über eine durchsichtige Kanüle führt sie Nahrung in meinen Mund.

Ich spüre, ich muss ein Wort erklingen lassen, welches den nunmehr weiten Hohlraum in mir erfüllen soll. Nur Im Hinterkopf ist ein kleines graues Päckchen geblieben. Lange suche ich nach einem Wort, doch dann fügen sich die Laute aneinander. Es klingst in meinerKörperhöhle wie ‘ohor’ und von diesem Klang ;geht ein angenehmes Gefühl aus. Daraufhin verändert sich alles, die Blüte hat sich zu einem Schiff aus Silberplatten gewandelt, auf dem ich einen Fluss hinuntergleite. An den Ufern erkenne ich Städte, die in ihrer Abfolge aus den verschiedenen Epochen der Geschichte zu sein scheinen.

 

 

1 C.G. Jung, «Scopi della psicoterapia» (1931), in Pratica della psicoterapia, Opere, Vol. XVI, Torino, Boringhieri, 1981, p. 60.

2 M.L. von Franz, Der Schatten und das Böse im Märchen, München Köselverlag, 1974.

3 C.G. Jung, Studien ueber den Archetypus, 1931-1954, p. 398. Vedi A.M.Ammann, Aktive Imagination, Darstellung einer «Methode» (1978), Olten, Walter Verlag, p. 109.

4 C.G. Jung, Ricordi, sogni, riflessioni (1961), raccolti ed editi da Aniela Jaffé, Milano, Rizzoli, 1978, p. 225.

5 H. Maass, Wach-Träume, Selbstheilung durch das Unbewusste, , (1989) Olten, Walterverlag

6 C.G. Jung, L’Io e l’inconscio (1928), in Due testi di psicologia analitica, Opere, Vol. VII, Torino, Boringhieri, 1983, p. 227.

7 C.G. Jung, Tipi psicologici (1921), Opere, Vol. VI, Torino, Boringhieri, 1969, p. 440.

8 M.L. von Franz, Wissen aus der Tiefe, München, Köselverlag, 1980.